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Genial verrückte Stories

NOTES OF BERLIN

Joab Nist sammelt auf seinem Blog www.notesofberlin.de das, was Berliner so alles an Zetteln auf Straßenlaternen, Haustüren oder Stromkästen kleben. Egal ob lustig, skurril, gemein oder einfach ehrlich. Wir zeigen Euch die verrücktesten Zettel aus der Hauptstadt und bitten zum Interview über die Berliner Zettelwirtschaft.

Notes of Berlin gibt es seit 2010. Wann und wie hast du gemerkt, dass du verrückt nach diesen Zetteln bist und dass sie mehr für dich bedeuten als für andere Menschen?

Schon bevor ich 2004 nach Berlin kam, interessierte ich mich für Fotografie. Abseits der klassischen Touristenziele auf Hinterhöfen bin ich zufällig auf die Zettel gestoßen und fotografierte sie … einen und noch einen – eine richtige Sogwirkung! Du findest sie ja nicht überall. Mit jedem neuen war das Glücksgefühl größer. Durch das Fotografieren wurde der Zettel für mich zum Unikat. Du weißt ja nie, ob er morgen noch da hängt. Nach zwei bis drei Jahren hatte ich 30 bis 40 spannende Zettel zusammen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, sie erzählen etwas über Berlin. Sie sind lustig oder skurril und repräsentieren den Nerv der Stadt. Meinen Freunden ging das auch so. Das motivierte mich, die Suche auf die ganze Stadt auszuweiten. Ich brauchte Mitstreiter, um die gesamte Stadt porträtieren zu können. Ich fand, dass diese Zettel ein größeres Publikum verdienten, da sie ja meist nur eine temporäre Erscheinung sind. Die Idee des Blogs war geboren.

 

Und wie ging‘s weiter? Wann ging dein Blog online?

2010 startete ich dann ohne irgendwelche Vorkenntnisse mit dem Blog. Das war natürlich technisch limitiert. Dann kamen Facebook und Twitter dazu. Ich hatte von Anfang an eine Strategie: Ich wollte einen Gemeinschaftsblog entwickeln, an dem auch andere mitschreiben können. Mein Glück war es, dass viele Medien das Thema interessant fanden und aufgriffen. Die Zettel sind visuell, das Prinzip ist leicht verständlich – eine dankbare Mischung für Berichterstattung. Dadurch konnte ich dann schnell Mitstreiter gewinnen.

Notes of Berlin © Joab Nist

Und dann wurde dein Hobby zum Beruf?

Ich hatte schon während des Studiums den Wunsch, mein eigenes Ding zu machen. Das hat mit Notes of Berlin geklappt. Dabei dachte ich: Sieh es als Chance, hol alles raus was geht und versuche dabei nicht den Spaß an der Sache zu verlieren. Es ist toll, immer mehr Leute mit dem Blog zu erreichen. Heute ist es weniger die Sucht nach neuen Zetteln als vielmehr die Suche nach Anerkennung für das gesamte Projekt und die Freude daran, die Leute auch nach fünf Jahren noch erfolgreich damit zu erreichen. Das treibt mich an … Für mich ist Notes of Berlin heute eine unendliche Datenbank, mit der man in die Stadt hineinhorchen kann.

Notes of Berlin © Joab Nist

Und heute zählt er zu den erfolgreichsten Blogs in Deutschland …

Das Projekt war nie kommerziell angelegt. Die starke Fokussierung des Blogs auf die Zettel ist eine Stärke und Schwäche zugleich – eine Nische eben. Daher die Reichweite und der Erfolg. Bei Notes of Berlin gibt es auch keine Produktvorstellungen wie bei Reise- oder Food-Bloggern. Partner-Kooperationen oder Kampagnen müssen zum Blog passen. Das entwickle ich gerade weiter, um den Blog in Zukunft breiter aufzustellen. Aber die Identität von Notes of Berlin umzugraben, um besser davon leben zu können, möchte ich nicht. Dann müsste ein neues Konzept her.

Durch den Erfolg von Notes of Berlin bist du praktisch der Fachmann für Handzettel in Deutschland. Haben sich die Sprache der Handzettel und die Themen in den letzten Jahren verändert?

Anfangs war der Anteil an „Schwabenhasser“ unter den Zetteln extrem hoch. Das hat sich zugunsten allgemeiner Gentrifizierungs- und Wohnraumdiskussionen verschoben. Die Wohnungssuche ist aktuell ein großes Thema. Die Zettel sind auch internationaler und auffälliger geworden. Die Leute machen sich mehr Gedanken, wie sie mit einer Information Aufmerksamkeit erreichen. Klassiker wie das Kommentieren von Fahrraddiebstählen, Verlustanzeigen von Wertsachen oder der Ärger mit der Hausgemeinschaft gehen immer. Mit einem Zettel kann ich plakativ und anonym Dampf ablassen. Und natürlich das Thema Flirten und Verlieben … also die Suchanzeige nach der Bekanntschaft aus Bahn, Club, Kneipe etc.

Notes of Berlin © Joab Nist

Hat die zunehmende Beliebtheit sozialer Netzwerke einen Einfluss auf die Notes?

Nein, da sehe ich keinen Einfluss. Wenn du Ärger mit den Nachbarn hast, ist der Zettel im Hausflur die effektivere und befriedigendere Lösung als ein Post an ein Nachbarschaftsnetzwerk. Und wenn du deine große Liebe suchst, hängst du die Suche als Zettel genau an dem Punkt auf, wo du sie gesehen hast. So genau und effizient kann das zurzeit noch keine App oder ein Online Dienst.

Mit dem Erfolg kommt meistens auch der Ärger. Hattest du schon mal Ärger wegen eines Zettels, den du veröffentlicht hast?

Das kommt schon mal vor, ist aber kein großes Problem. Ich anonymisiere grundsätzlich alle Zettel, damit sie nicht zuzuordnen sind, aber bei einem Fall funktionierte es nicht so richtig: Es ging um ein Wiedersehens-Gesuch nach einer Nacht im Berliner Club Berghain. Alle persönlichen Daten des Zettels waren unkenntlich, aber die Suchende hatte eine ziemlich genaue Zeichnung und Personenbeschreibung mit Angaben über Tätowierungen, Bart usw. gemacht. Einige Zettel hingen wohl am Berliner Ostbahnhof und ich hatte schon mehrere Einsendungen bekommen und ihn schließlich gepostet. Bald danach forderte mich ein anonymer Anrufer auf, den Zettel sofort vom Blog zu nehmen. Er bekäme sonst ernsthafte persönliche Probleme. Ich vermute, dass er Ärger mit seiner Freundin fürchtete, da der Berghain-Besuch wohl nicht abgesprochen war. Ich habe den Zettel dann runtergenommen.

Notes of Berlin © Joab Nist

Nutzt du Zettel eigentlich auch privat für Suchen oder Ähnliches?

Ich habe tatsächlich über einen Zettel schon mal eine Wohnung gefunden. Ich wollte in einem bestimmten Quartier wohnen und über den Zettel in Hauseingängen hat es dann auch geklappt. Das war aber noch vor dem Start des Blogs. Ich hatte auch schon mal so einen Liebeszettel aufgehängt. Der war auch erfolgreich. Auf dem Blog habe ich ihn allerdings nicht gepostet.

Bedient die Herkunft der Zettel eigentlich die klassischen Klischees über Berliner Bezirke und geht so ein Projekt auch in ganz Deutschland?

Die klassischen Themen sind eigentlich Berlin-weit präsent. Quantitativ betrachtet gibt es eine klare Rangfolge: ungefähr jeder zweite bis dritte Zettel kommt aus Friedrichshain, Kreuzberg oder Mitte. Man merkt schon, dass Zettel aus Wedding oder Moabit etwas härter formuliert sind und Neuköllner Zettel meist internationaler sind. Zettel von Kindern oder über Kinderthemen gibt es häufiger aus dem Prenzlauer Berg. Das sind aber alles subjektive Eindrücke.

Aus der genial-verrückten Idee der Notes of Berlin ist ja dein Lebensunterhalt geworden. Wie siehst du die Zukunft der Zettel?

Hier und heute habe ich so viel Lust und Ideen für die Notes, dass ich sie eigentlich endlos betreiben möchte. Beim Umfang bin ich natürlich von Faktoren wie Medien, Plattformen und Mitmachern abhängig. Vielleicht wird das Projekt noch viel größer oder es wird wieder eher ein Hobby und ich muss mein Geld mit etwas anderem verdienen. Aber dieser Urgedanke der Online-Datenbank, der Dokumentation von vielleicht 20.000 weiteren Zetteln in den nächsten 10 Jahren fasziniert mich. Das ist schon ein einmaliges Gut … ein Kulturgut dieser Stadt. Ich bin fest davon überzeugt, dass es die Zettel auch irgendwann in ein Berliner Museum schaffen. Sollte sich das Berliner Stadtbild weiter wandeln und hier irgendwann Münchner Verhältnisse herrschen, werden die Zettel wohl auch bald weniger sichtbar sein. Vielleicht sind sie dann wirklich reif fürs Museum. Aber bis dahin wird es in Berlin noch etwas dauern.

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